»km 497 – über die visuellen Sprachen längs des Rheins«

Aus dem Vorwort des 2005 erschienenen Werkberichts:

Typisch. Vorurteile pflegt man gern, wenn auch mit schlechtem Gewissen. Schließlich weiß jeder, dass es unlauter ist, Mentalitäten grob zu verkürzen und in Klischees zu verwandeln. Dennoch wird keiner von Ihnen leugnen können, vermeintlich typische Verhaltensweisen schon als ebensolche gebrandmarkt oder gelobt zu haben: die Schweizer gelten als pünktlich und ordnungsliebend, mit einem Hang zum Eigensinn; die Franzosen wissen ganz offensichtlich zu leben und sind ausgeprägte Individualisten; wir Deutschen neigen zu gewissenhafter Selbstbeschränktheit und geben uns zuverlässig humorlos: den Niederländern wiederum eilt ein Ruf der Weltoffenheit voraus, gepaart mit protestantischer Genügsamkeit.

Über Nationalcharaktere sind viele Bücher geschrieben worden, die Klischees mit Substanz versehen wollen. Sie beziehen diese Art tieferer Glaubwürdigkeit meistens aus geschichtlichen, religiösen und gesellschaftlichen Quellen. Die Unterschiede in den nationalspezifischen Verhaltensweisen sind offensichtlich. Beispielhaft war ein Artikel in der Zeitung, in dem von Irritationen vor Geschäftsabschlüssen berichtet wurde: War »der Deutsche« überpünktlich, kam »der Franzose« zu spät, reichte dem einen der Handschlag zur Besiegelung des Geschäfts, kam der andere in Begleitung seines Rechtsanwalts. Man kann also unter dem Strich festhalten, dass nationale Eigenheiten die Menschen in Sicht- und Handlungsweisen nachhaltig prägen.

Das ist keine neue Erkenntnis und wäre auch nicht weiter erwähnenswert (zumindest nicht in Seminaren über visuelle Kommunikation), gäbe es nicht das durchaus berechtigte Klischee des alles nivellierenden »Global Village«. Kritiker wie Befürworter sprechen von der zunehmenden Vereinheitlichung der (westlich geprägten) visuellen Sprache. In einem Forschungsprojekt des Studiengangs Design wollten wir es genauer wissen: Sind im Kulturraum des Rheinverlaufs nationenbedingte Eigenheiten verschwunden, oder gilt für die visuelle Sprache das Gleiche wie für das gesprochene Wort? Wir sind den Flußkilometern rheinabwärts gefolgt und haben viermal angehalten: Basel, Strasbourg, Mainz und Rotterdam schauten wir uns genauer an. Der vorliegende Bericht zeigt Gemeinsamkeiten und Unterschiede - ob es sich um die Beschilderung im Straßenverkehr oder um Produkte aus dem Supermarkt handelt. Wir sprachen auch mit Menschen, die eine Zeit ihres Lebens in einem der Nachbarländer verbracht hatten und fragten sie nach ihren Erfahrungen. Wir können zusammenfassend resümieren: So verkürzt sich ein Klischee auch darstellt, ein Körnchen Wahrheit besitzt es doch. Was das »Global village« betrifft, so rückt die Welt zweifellos näher zusammen. Aber gerade dort, wo wir viel Übereinstimmung vermuteten, zeigt sich hartnäckig der Charme der Regionen.

(Ulysses Voelker)

Der Werkbericht hat 72 Seiten und wurde als eines der »50 schönsten Bücher Deutschlands 2005« ausgezeichnet.

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